In ihrer neuesten Poetikvorlesung durchleuchtet Ann Cotten die Widersprüche der postmigrantischen Gesellschaft und kommt nicht nur zu ernüchternden Ergebnissen.

Richtig gelesen: Es ist nach der Salzburger schon die zweite Poetikvorlesung aus der Feder der überaus produktiven Dichterni (polnisches Gendering!) Die schon seit einiger Zeit Japan-Inspirierte (The Daily Frown berichtete) greift hier, getreut dem erklärten Ziel der Poetikdozentur NEUE DEUTSCHE LITERATUR (eigene Schreibweise) der Leibniz-Universität Hannover sowie des Literaturhauses Hannover, Pluralität von Rede- und Schreibweisen sichtbar zu machen, besonders auf Philosoph*innen wie Kōjin Karatani und Naika Fouroutan zurück, die sich mit den Begriffen der Isonomie und der postmigrantischen Gesellschaft auseinandersetzen, aber auch auf landläufigere Namen wie Émile Durkheim.

Was ist Isonomie? Was Anomie? Was bedingt oder folgt daraus, wenn alle vor dem Gesetz gleich sind, was, wenn die Abweichung in der Gesellschaft zur Regel wird, das kollektive Bewusstsein also nicht mehr in der Lage ist, für die Aufrechterhaltung der Norm zu sorgen (S. 8)? Und wie verhält sich Kunst, insbesonder Literatur, dazu? Dem geht Cotten in ihrem unverkennbar dichtem Stil in ihren Überlegungen nach. Das fordert heraus, macht Spaß und führt mitunter in unerwartete Gefilde: Etwa zu Azuma Hirokis „Philosophy of the Tourist“ (S. 43), dem Seerecht (S. 50) und wunderbaren Schlussfolgerungen wie „Einem spielenden Menschen kann man immer trauen“ (S. 57) oder „Wenn Antilopen ängstlich wären, würden sie Häuser bauen!“ (S. 65)

Nie aus dem Blick gerät aber die vertrackte Lage, in der die gegenwärtige (insbesondere deutsche und österreichische) Gesellschaft steckt: Die von Stiftungen großzügig, freilich aus Gründen der Steuervermeidungen, geförderten Künstlys und Wissenschaftlys befördern nichts weiter als den status quo eines „Kaffee-und-Kuchen-Staats“ (S. 74) – mehr noch, bzw. im anderen Fall, schaffen hungernde Intellektuelle die Voraussetzung für „Vetternwirtschaft und fette Margen“ – wo an dieser Stelle ein deftiger Seitenhieb gegen die Streichung des Chamisso-Preises durch die Robert-Bosch-Stiftung folgt (S. 77), der mit genau der tollen postmigrantischen Idee an den Start gegangen war, das deutschsprachige Werk von Autor*innen mit nichtdeutscher Sprachherkunft auszuzeichnen.

Sich trotzdem nicht entmutigen zu lassen, Kreativität durchaus mit Destruktivität einher gehen zu lassen, und sich dem wirtschaftlich-rationalen Prozessen zu entziehen: Das ist Ann Cottens Appell an ihre Zuhörer*innen und Leser*innen.

Aber in Wirklichkeit wird es von uns ausgehen, von den Verschwendernnnie, den scheinbar Unverständlichen, deren anderen Leitsternen gehorchender Kurs die kleinlich festgefahrenen Ordnungen durcheinanderwedelt (…) unsere Spuren bleiben: nicht in den Villenvierteln, sondern in der Grammatik.

Ann Cotten: Text fur Aliens. Anomie und Isonomie, Verbrecher Verlag, 176 Seiten, 22 €

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