Bei Kookbooks erschienen in diesem Frühjahr zwei Lyrikdebüts von jungen Autorinnen. Eines davon ist Liv Thastums åben die erda, das andere sprechen in flechten der 1995 in Leipzig geborenen, in Wien lebenden Nea Schmidt.
Künstlerinnenbiografische Spuren hat Nea Schmidt u.a. als Übersetzerin für den Merve Verlag gelegt, sie ist Mitgründerin des Lyrikerïnnenkollektivs „fährten“. Im vergangenen Jahr war sie Gewinnerin des Open Mike in der Kategorie Lyrik.

Im vorliegenden Debütband, von dem auch Auszüge in der aktuellen Ausgabe der BELLA triste erschienen sind, wird das titelgebende „sprechen in in flechten“ zum Prinzip: Schmidt unterteilt zunächst ihre Gedichte in Einheiten, die visuell durch schwarze Seiten mit verschiedenen Schlagwörtern wie „Lorem ipsum dolor“, „Merkur maschen Mehl“, „Milchtritt, Gewinde“ usw. voneinander getrennt sind, gegen Ende folgt noch ein „Zirkel: Bukolik“, die abschließenden Teile „Glyphen“ und „Inhaltsverzeichnis“ führen mit einem leichten Augenzwinkern auf falsche Fährten.
Überhaupt fällt die Leichtigkeit ins Auge, mit der Nea Schmidt ihre Gedichte baut: Die im Anhang mitgelieferten Bezüge zu Dante, Homer oder Ovid lassen das zunächst nicht vermuten – das Misstrauen gegenüber den hohen Ton wird dann auch gleich in der ersten Einheit Lorem ipsum dolor ersichtlich, die aus KI-generierten Lorem-Ipsum-Texten gearbeitet ist:
Das Leben ist ein Club
Mach einfach mit.
Der Himmel schämt sich. Beachte ihn nicht.
Denn mein Bett ist leer, oder es stört mich nicht.
Oder?
Marmor, Marmor: gute Nacht!
Beim KI-Sprachspiel bleibt es aber nicht, etwas weiter vorgeblättert, folgt der Part content not, in dem das Schreiben selbst auf dem Prüfstand steht: „wirf es weg, ist doch egal, es liest eh niemand Lyrik“ heißt es da, oder „[war mir doch zu privat] Warum irgendwas schreiben, was sich nicht nachweisen lässt?“, während es um Kasteiung, blutige Taschentücher und Selbstzerfleischung geht.
Politische Kunst? To state the obvious: Wenn Midlife-Crisis von 2,3 Männern so viel Wirkmacht bekommt, läuft etwas schief. Prächtig Gedeihen in dem Paradies, das nur das Gute sieht oder darben im Doom, das nur Unheil erkennt. Blink twice – und dann?
Es macht durchaus Spaß, durch Nea Schmidts flechten zu spazieren. Sie sind mehr als schöne Gebilde.
Nea Schmidt: sprechen in flechten. Gedichte. Kookbooks, 96 Seiten, 24 €


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