So unscheinbar, wie es daherkommt: Wolfram Lotz‘ neuer Band Träume in Europa ist vielleicht das seltsamste Buch dieses Frühjahrs.
Die hellorangen Wolken auf dem Cover sind seltsam verpixelt, ein Autorenname fehlt gänzlich. Der Autor, so scheint es, möchte ganz hinter seinen Traumerzählungen zurücktreten, für die er sich in Internetforen vom Spanien bis Mazedonien hat inspirieren lassen.
Die oft nur absatzlangen Texte lassen sich in mehrere Gattungen aufteilen: Träume sexueller Natur, Träume, in denen Prominente auftreten, surreale Welten, in denen die Naturgesetze aufgehoben sind und Albträume, gruselig und gewaltvoll. Besonders lustig ist dagegen wenig.
Da erschien plötzlich ein großes Wesen. Es war mit grauem Fell bedeckt und ging auf zwei Beinen. Auf dem Kopf trug es zwei Hörner. Sie standen gerade nach oben. Seine Stimme hatte nichts Menschliches an sich. Aber es ging kein Gefühl der Bedrohung von ihm aus. Es sagte zu mir: „Nun zeige ich dir, wie es ist, ohne Gott zu leben.“
Man kann sich diese bizarre Sammlung gut chorartig vorgetragen auf einer Bühne vorstellen, und vielleicht hat Theaterautor Lotz so etwas im Hinterkopf gehabt. Die abseitigen Inhalte passen jedenfalls gut in die Welt der Politiker und der Lächerlichen Finsternis – und liefern auch so etwas wie einen neuen Schlüssel zum Verständnis von Lotz‘ Werk, das selbst mitunter einer absurden Traumlogik zu folgen scheint.
Wolfram Lotz: Träume in Europa. S. Fischer Verlag, 112 Seiten, 23 €

